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Burg Brobergen

Aus den Erinnerungen eines Burgvogts

Kapitel 1 "Winter auf der Burg"

12. Februar anno Domini 1286

Wie die eisernen Finger eines Kettenhandschuhs hielt bittere Kälte Brobergen und seine Bewohner seit nunmehr neun Wochen erbarmungslos umschlossen. Zum Heiligen Abend anno Domini 1285 einsetzender Schneefall hatte das Land alsbald mit einer dichten Schneedecke überzogen. „Das geht vorüber“, sagten die Menschen. Aber die Kälte blieb. Bald schon waren die letzten verdorrten Äpfel an den Obstbäumen den hungrigen Vögeln zum kargen Mahl geworden. Rehe zupften die letzten graugrünen Halme und die hungrigen Wölfe holten sich so manches Huhn oder unachtsame Schaf. Wohl dem, der nun einen warmen Platz sein Eigen nannte.

Aus den Rauchabzügen der Reet gedeckten Katen stieg in sich kräuselnden Fahnen der Rauch von Torffeuern auf. Die Nähe der Haustiere spendete den Menschen zusätzlich etwas Wärme. Gemeinsam wartete man auf das erlösende Eintreffen des Frühlings. Jedoch war dieser wie es schien noch in all zu weiter Ferne.

Auch die Bewohner der Burg Brobergen vermieden es tunlichst sich ohne triftigen Grund vor das Burgtor zu begeben. Stattdessen hatten sich alle in der großen Halle versammelt. Während im großen offenen Kamin Eichenholz brannte saßen in trauter Eintracht Ritter, Gefolgsmänner, Knappen, Bedienstete und Leibeigene beisammen. Die Standesunterschiede schienen fürs Erste außer Kraft gesetzt. Der Winter in Brobergen schrieb seine eigenen Gesetze. Auch auf der Burg hatten alle nur noch das eine gemeinsame Ziel, den Winter zu überleben. Burgherr Otto, Ritter zu Brobergen und Vogt zu Stade, saß in seinem mit Fellen ausgepolsterten Lehnstuhl dicht am Feuer. Ihm gegenüber hatte sein Vogt Platz genommen und blickte angestrengt in ein dickes, in Leder gebundenes Buch. Ritter Otto ließ sich von ihm die Erträge und Ausgaben des vergangenen Jahres vorrechnen.

In einigem Abstand hockte eine Gruppe von Rittern beim Würfelspiel. Längst hatten sie es aufgegeben um Geld zu spielen. Zu lang dauerte nun schon die Zeit des Eingesperrt seins. Und da sich die Beutel nicht durch Streifzüge in die Umgebung auffüllen ließen, wurden die Gewinne und Verluste lediglich durch Kerben auf kleinen Stecken festgehalten. Ab und zu hörte man einen Ritter leise fluchen, wenn die knöchernen Würfel nicht die erwünschte Augenzahl boten. Schnell schob dann eine schwielige Hand dieselben zusammen und ließ sie wieder im ledernen Becher verschwinden. Kurz geschüttelt und dann frisch gewagt. Ein erstaunter Ruf aus mehreren Kehlen bescheinigte dem nächsten Werfer sein Glück: drei Fünfer!

 

   

Man spielte und musizierte gerne

 

Farbenfroh war die Ausstattung auf der Burg

 

 

Die Knappen ließen sich dadurch jedoch nicht von ihren Aufgaben ablenken. Emsig bearbeiteten sie Helme, Brustpanzer, Schwerter, Dolche und Kettenhandschuh mit Stofflappen. Durch emsiges Reiben rückten sie dem Rost verbissen zu Leibe, der sich auf den Rüstungsteilen ihrer Herren breit gemacht hatte. Einer der Knappen hatte das Kettenhemd seines Herrn in ein kleines hölzernes Fass verstaut, welches zuvor mit feinem trockenem Sand aufgefüllt worden war. Nachdem der Deckel fest verschlossen wurde rollte er den Behälter über den Boden, einem Kameraden zu. Dieser versetzte dem Fass einen gezielten Fußtritt und ließ es zurück rollen. So ging es hin und her. Der Sand im Innern des Behältnisses rieb derweil an den feinen Gliedern des Kettenhemdes und wirkte wie Schleifpapier. Langsam trennte sich der Rost vom Eisen.

Unterdessen besserten Knechte Arbeitsgeräte aus, Mägde sortierten Gemüse und Obst, prüften alles sorgsam auf eventuelle Fäulnis. Zwei Frauen hatten auf einem eisernen Dreibein einen kleinen Topf zwischen sich stehen, unter dem ein kleines Feuer loderte. Im Topf brodelte heißer, flüssiger Wachs. Eins ums andere Mal tauchten sie an Stecken befestigte Dochte in den Topf ein. Langsam entstanden Kerzen, die neben Fackeln und Kienspänen in dieser dunklen Jahreszeit allen ein wenig Licht schenkten.

Für teures Lampenöl hatte der Burgherr kein Geld übrig. Der Gestank von Unschlittlampen war ihm jedoch ebenso zu wider. Schließlich war die Luft in der großen Halle der Burg verbraucht und durchzogen von den Ausdünstungen seiner Bewohner. Es roch nach Schweiß, Kohl und Fett. Das Stroh auf dem Boden der Halle war verunreinigt von den Abfällen und Exkrementen. Einer der großen Jagdhunde des Burgherren erleichterte sich in einer Ecke des Raumes. Nach kurzem Schaben mit den Hinterpfoten kehrt er zum Stuhl seines Herrn zurück und stieß ihn mit der feuchten Schnauze an. Gedankenverloren kraulte Otto von Brobergen dem Tier das Fell, nicht ahnend, dass ein Floh sich gerade in diesem Moment anschickte durch einen gewagten Sprung vom Rücken des Hundes in die Falten des herrschaftlichen Wintergewandes umzuziehen. Von dort suchte sich der Parasit gekonnt den Weg bis hin zur bloßen Haut des Menschen. Wohlige Wärme wies dem kleinen Tier den Weg. Bald schon hatte es sein Ziel erreicht. Ein Biss in das menschliche Fleisch und es labte sich am Blute des Broberger Burgherren. Ritter Otto hatte den Biss kaum gespürt. Gedankenverloren kratzte er sich an der betroffenen Stelle und versuchte den Störenfried zu erwischen. Dieser hatte jedoch bereits seine Flucht angetreten und verschwand wohl genährt im Haupthaar seines Wirtes. 

 

 Kapitel 2 "Von Gott gegeben"

25. März anno Domini 1286

Die Sonnenstrahlen taten ihm gut. Nach der langen und strengen Kälte dieses Winters spürte Tjark wie ihn die Wärme mit neuem Lebensmut erfüllte. Das blonde Haar zeigte erste Spuren von Grau an den Schläfen. Sein Antlitz war ebenmäßig, die blauen Augen blickten wach und offen in die Welt. Die Haut hatte selbst im Winter jene bräunliche Färbung, welche Menschen auszeichnet, die ihr ganzes Leben in der freien Natur zubringen. Seine Nase wies einen Knick nach rechts auf. Die Folge eines Unfalls, bei welchem ihn als kleinem Jungen der Huf eines Pferdes getroffen und Tjarks Nasenbein gebrochen hatte. Ein Bader, welcher auf seiner Reise nach Bremervörde damals gerade in Brobergen weilte, hatte die Wunde zwar versorgt. Das Gesicht des Jungen blieb jedoch seitdem für immer gezeichnet. Der Körper wies die typischen Merkmale eines Bauern auf. Breite Schultern, muskulöse Arme und Beine und Hände, deren Hornhaut von täglicher schwerer Arbeit zeugte. Er war nun etwa dreißig Jahre alt. So genau vermochte er das nicht zu sagen. Selbst wenn in den Kirchenbüchern Brobergens seine Geburt notiert worden wäre, hätte es Tjark nichts genützt. Lesen und Schreiben hatte er nie gelernt. War er doch, wie sein Vater und dessen Vorväter, Leibeigener der Grafen zu Brobergen. Als solcher bewohnte er eine kleine Kate auf der Dammsiedlung. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang betraten die Unfreien jene Zugbrücke, welche über die Oste hinüber zur Burg führte. Dort verrichteten sie ihren Frondienst wie es seit ewigen Zeiten üblich war. Erst gegen Abend, wenn die Glocke geläutet wurde, entließ sie der Vogt wieder aus dem Dienst. Bis zum Sonnenuntergang blieb ihnen dann noch etwas Zeit, ihren eigenen Aufgaben nachzugehen. Dazu zählte auch die Feldarbeit auf den überlassenen kleinen Ackerflächen rechts der Dammsiedlung. In den meisten Katen lebten Familien mit vier, fünf oder gar sechs Kindern. Tjark bewohnte die kleine, Reet gedeckte Hütte gemeinsam mit seinem Vater Claas und seiner jüngeren Schwester Mette. Die Mutter war im Sommer anno Domini 1275 an einem Fieber gestorben. Just in jenem Jahr, als Burgherr Otto von Brobergen den Bau seiner Burg für erfolgreich abgeschlossen verkünden ließ. Zunächst hatte die Familie geglaubt die Mutter würde sich wieder erholen. Täglich war der heilkundige Mönch Bruder Bernhard von der Burg zu ihnen in die kleine Kate gekommen und hatte der Kranken Kräutertees und Wickel verabreicht. Aber das Fieber wollte und wollte nicht weichen. Zwei Wochen hatte sie auf ihrer Strohschütte gelegen und war von Tag zu Tag immer schwächer geworden. Tjarks jüngere Schwester Mette hatte sich um die Kranke gekümmert so gut es ging. Aber es war vergebens. Als die Mutter eines Morgens von erneuten schweren Hustenanfällen geschüttelt wurde lief ein dünnes Rinnsal von Blut aus ihrem Mundwinkel. Da wurde ihnen klar, dass der schwarze Schnitter sein Opfer einforderte.

Weinend hatten sie sich damals um die sterbende herum versammelt. Der Vater Claas, dem klar wurde, dass er nun allein für das Überleben der Familie sorgen musste. Mette, die sich alle Mühe gegeben hatte ihre Mutter gesund zu pflegen. Vergebens. Und Tjark, der nicht glauben konnte, dass sie plötzlich allein dastanden. Bruder Bernhard erteilte der sterbenden die Absolution und erbat von Ritter Johann die Erlaubnis den Leichnam der Mutter auf dem Friedhof hinter der Burg zu bestatten. Dort lagen in Reihengräbern bereits viele Menschen, deren Irdenleben auf die eine oder andere Weise mit der Burg Brobergen verknüpft gewesen war.

Bei der Beisetzung sprach der Burggeistliche ein  letztes Gebet. Die lateinischen Worte gingen ihm mühelos von den Lippen. Als Kind hatte ihn sein Vater ins Benediktinerkloster Harsefeld gegeben. Verbunden mit einer großzügigen Spende war der Vater so aller Verpflichtung um seinen zweitgeborenen ledig geworden. Immerhin verschaffte er Godfried, welcher von nun an den Namen Bernhard trug, die Möglichkeit Lesen und Schreiben zu lernen. Außerdem sicherte sich der Vater durch eine jährlich erneuerte finanzielle Zuwendung an das Kloster, dass die Mönche um den Harsefelder Abt für sein Selenheil beteten und ihn somit am jüngsten Tag vor der ewigen Verdammnis der Hölle und dem schrecklichen Fegefeuer bewahrten. Inzwischen waren Jahre vergangen und Bernhard hatte neben dem Lesen und Schreiben auch die Heil- und Pflanzenkunde erlernt. Eines Tages teilte ihm der Abt mit, dass er nun die schützenden Mauern des Klosters verlassen müsse. Nach Brobergen schicke er ihn mit Gottes Segen und Grüßen an den dortigen Burgherren Otto, Ritter zu Brobergen und Vogt zu Stade.

Das alles war mittlerweile 14 Jahre her. Seitdem hatte Bernhard sich in seine neue verantwortungsvolle Rolle als Burggeistlicher eingelebt. Bald hatte sich auch bei den Bewohnern der Burg ebenso wie bei den Leibeigenen der Dammsiedlung herumgesprochen, dass der fromme Mann sich nicht nur mit dem Wort Gottes auskannte, sondern auch das Heilen von Wunden und Krankheiten beherrschte. So hatte Bernhard im Laufe der Jahre Leid mildern können und so manche Geburt begleitet. Aber auch wenn es darum ging einen Menschen bei seinem Abschied vom Erdenleben beizustehen fand er tröstende Worte. Trotz allen Wissens und fleißigem Studierens der alten griechischen Lehrbücher zur Medizin, welche Bernhard sich aus dem Kloster Harsefeld auslieh, vermochte auch er nicht jeden Kranken zu heilen. So hatte er auch Tjarks Mutter seinerzeit nicht helfen können, als diese das Fieber gepackt und dahin gerafft hatte. Alles, was ihm blieb, war Verständnis für die Hinterbliebenen zu bezeugen und sie mit Anteilnahme über den schweren Verlust hinweg zu trösten.

So blieb er denn auch noch nach dem gemeinsamen Gebet am Grab stehen und sann darüber nach welch hartes Schicksal Gott diesen  armen Bauern auferlegte. Geboren in Knechtschaft. Dazu bestimmt ihrem Herrn zu dienen. Tag ein Tag aus dafür zu sorgen, dass die Vorratsspeicher der Burg gefüllt wurden. Auf Gedeih und Verderb den Launen des Burgherren ausgesetzt. Im Falle eines Krieges zum Waffendienst verpflichtet. Schutzlos den Gewalten der Natur ausgesetzt. Im Sommer der sengenden Hitze, im Winter dem strengen Frost. Und hinzu kam noch die Gefahr von Krankheiten und Seuchen, von denen selbst er, Bernhard, nicht wusste, wie er ihnen begegnen sollte. Was trieb diese einfachen Menschen voran? Was ließ sie tagtäglich auf dem Weg durch ihr irdisches Jammertal weiter voranschreiten? Woher nahmen sie die Kraft dazu? Bernhard beschloss darüber nachzudenken, wenn er am Abend allein in der Burgkapelle betete. Vielleicht sollte er Tjark ganz einfach dazu befragen. Nur musste er dabei aufpassen, dass sein Arbeitgeber und Burgherr nichts davon erfuhr. Schließlich stellte er mit seinen Gedanken und Fragen die von Gott gegebene Ordnung in Frage. Von je her hatte es geheißen, dass Adel und Klerus die Macht im Reich in Händen hielten, während sie für den Schutz und das geistige Wohl der ihnen unterstellten Schichten zu sorgen hatten. Dafür hatten die Bürger und Bauern ihnen Abgaben zu leisten. War es da nicht besser, die Ergebenheit eines Leibeigenen nicht in Frage zu stellen? Würde er vielleicht sogar durch seine Fragen diesem jungen Mann erst Gedanken in den Kopf setzen, welche sie beide in größte Schwierigkeiten bringen konnten?

Ein klopfendes Geräusch weckte Bernhard aus seinen Gedanken. Es war die  schwere Kleieerde, welche Tjark und Claas  in die Grube schaufelten und die nach und nach den einfachen hölzernen Sarg bedeckte. Auf den flachen Grabhügel pflanzten sie ein schlichtes Holzkreuz. Mette hatte ein paar Tannenzweige geschnitten und legte sie nun als letzten Gruß neben das Kreuz. Dann verabschiedeten sie sich von der Mutter und gingen zurück zur Burg. Der Tod hatte sich in ihr Leben gedrängt und unbarmherzig einen Menschen aus ihrer Mitte gerissen. Doch nun galt es für sie alle ins Leben zurück zu kehren. Jeder von ihnen hatte seine Pflichten gegenüber dem Burgherren zu erfüllen. Bernhard schlug über ihnen das Zeichen des Kreuzes und segnete sie, bevor er seine Schritte zur Kapelle der Burg lenkte.

Claas machte sich mit seinem Sohn gemeinsam an die tägliche Arbeit. Sie hatten vom Vogt die Order bekommen einen Balken des Torhauses zu überprüfen und gegebenen Falls auszubessern. Mette eilte indessen in die Küche der Burg wo sie der Köchin zur Hand ging. So arbeiteten sie Tag um Tag weiterhin für ihren Herrn Otto.

  

 

Kapitel 3  „Das große Fest“   

18. Juni anno Domini 1286

Noch bevor das erste zarte Morgenrot die Ziegelmauern der Burg erhellte herrschte auf dem Hof bereits reges Treiben. Seit der Frühmesse waren Burgmannschaft und Bedienstete im Schein von Fackeln und Feuerkörben damit beschäftigt alles herzurichten für das diesjährige Fest. Burgherr Otto hatte durch Boten allen seinen Freunden und Getreuen Einladungen gesandt. Seit der Fertigstellung seiner Burg anno Domini 1272 hielt er stetig an der Tradition fest den erfolgreichen Bau der Anlage alljährlich zu feiern. Eine Ausnahme bildete hierbei lediglich seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela, welche der Ritter im Jahre des Herrn 1281 angetreten hatte. Der Herrscher von Burg Brobergen hatte die beschwerliche Reise auf eigenen Wunsch in der Tracht eines einfachen christlichen Pilgers angetreten um Gott für die Geburt seines erstgeborenen Sohnes und Erben zu danken. Nachdem Bruder Bernhard seinem Dienstherrn mehrmals versichert hatte, dass Frau und Kind die Geburt gut überstanden hatten, veranlasste dieser alles für die Taufe seines Sohnes. Er sollte auf den Namen Johann getauft werden. Zum Dank für die Geburt überreichte der stolze Vater seiner lieben Frau Hiltrud einen goldenen Ring, dessen funkelnder Rubin von zwei Schlangen umschlossen war. Auf der Innenseite des Schmuckstücks hatte auf sein Geheiß ein Goldschmied eingraviert, was nur mit scharfem Auge zu lesen war: „Du gibst mir stets die Kraft und auch den Mut, in deinem Schoße unser beider Zukunft ruht“. Zum Zeichen des Dankes gegenüber Gott dem Herrn erhielt die Burgkapelle von Brobergen ein Fenster aus buntem italienischem Glas. Es zeigte Motive aus dem Leben des heiligen Georg, der zu Lebzeiten im Kampf gegen den Drachen Mut und Geschick bewiesen hatte. Ganz sicher, so meinte Otto, würde auch sein Sohn Johann einmal so mutig und stark werden wie der Heilige. Inzwischen stand Johann von Brobergen, so der Name des Knaben, im fünften Lebensjahr. Es war bereits zu erkennen, dass aus ihm einmal ein kräftiger Bursche werden mochte. Ließen seine ersten Handlungen im Umgang mit Adligen und Bediensteten doch bereits jetzt erkennen, dass er dereinst das Erbe seines Vaters ebenso würdevoll weiterführen würde, wie dieser es von ihm erwartete. Jedoch schien dieser Tag noch in weiter Ferne. Erfreuten sich doch Ritter Otto und seine Frau Hiltrud bester Gesundheit. Gott hatte ihnen in den zurückliegenden Jahren vier weitere Kinder geschenkt. Zunächst Gottfried, dann die Zwillinge Daniel und Hildegard, gefolgt von Heinrich. Nun war Hiltrud erneut gesegneten Leibes. Alle hofften, dass auch diese Schwangerschaft von Gott behütet sei. Erfreut über die frohe Kunde hatte Otto bereits verkündet, dass der jüngste Spross der Familie seinen Namen tragen solle. Für den Fall, dass es ein Mädchen werde, erhielte diese den Namen ihrer Großmutter mütterlicherseits, Berenga von Bliedersdorf. Doch zunächst hatte Ritter Otto den Zustand seiner geliebten Frau fürs erste vergessen. Zu viel gab es noch zu erledigen bevor die Gäste eintrafen. Der große Festsaal im Burgturm wurde für die Ehrengäste geschmückt, Kammern zum Nächtigen hergerichtet. Im Hof schufen die Bediensteten Platz für die Unterkünfte der mitreisenden Gefolgsleute. Ställe mussten ausgemistet sowie mit frischem Stroh und Heu versehen werden, ausreichend Feuerholz und frisches Wasser galt es herbeizuschaffen. Auf der freien Wiese vor der Burg sollten all jene ausreichend Platz finden, die es vorzogen in ihren eigenen Zelten zu nächtigen. Der Küchenmeister hatte seit Tagen nichts anderes getan als sich um die Speisefolge für das große Bankett zu sorgen. Frisches Gemüse sowie Eier wurden auf Karren angeliefert und mussten seiner strengen Kontrolle genügen bevor sie in die Burgküche gelangten. Ochsen, Schweine und Geflügel waren geschlachtet und vorbereitet worden. Knechte hatten bereits am Vortag damit begonnen in der Oste zahlreiche Fische zu fangen. Aale, Störe und Zander fristeten nun in den Reusen die letzten Stunden ihres Lebens bevor man sie durch einen gezielten Hieb ins Genick erlöste. Der Kellermeister hielt Wein und Bier bereit. Auch hatte er seinen Herrn davon überzeugen können, dass es nichts schade, wenn er noch ein paar Fässer des köstlichen Horneburger Bieres dazu kommen ließe. Schließlich würden die Gäste wie ihr zahlreiches Gefolge ganz bestimmt durstige Kehlen haben von der langen Reise. Und da Ritter Otto sich nicht lumpen lassen wollte griff er noch einmal tief in seinen Beutel um die nötigen Ausgaben zu decken. Über dem Hof zog der Duft von frisch gebackenem Brot und die Mägde hatten alle Hände voll damit zu tun die gefertigten Lebensmittel in den Vorratskammern unterzubringen. Hunde bellten, Pferde wieherten, Menschen riefen durcheinander, all das durchdrungen vom gleichmäßigen Hammerschlag des Schmieds der kräftig schwitzend den Ambos traktierte. Mitten in dem allgemeinen Getümmel stand, einem Fels in der Brandung gleich, Otto von Brobergen persönlich in seiner blauen Tunika und gab mit kräftiger Stimme Anweisungen in alle Richtungen. Wenn doch nur alles gut gehen möge. Sicher würden sie ihn dann als einen großherzigen und gewandten Gastgeber rühmen. In diesem Jahr hatte er sich zudem noch etwas ganz besonderes für alle ausgedacht. Es würde ein großes Turnier für alle geben. Doch das hatte er seinen Gästen in der Einladung tunlichst verschwiegen. Die Überraschung sollte sein größter Triumph sein. 

Fortsetzung folgt

 

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